Theaterverzeichnis

Große Geschichten und der Mut zum Experiment, die Spielzeit 2010 / 2011


In den Theatern Deutschlands ist vieles in Bewegung gekommen. Die Suche nach Stoffen, die das Publikum von heute interessieren könnten, hat sich intensiviert. Geschichten aus Romanen und Filmen werden auf die Bühne geholt, zahlreiche neue Autoren uraufgeführt oder man versucht es ganz ohne Vorlage. Manch ein Theater findet dabei ganz neue Wege zum Publikum. So hält auch diese Spielzeit wieder jede Menge spannende Abende für Theaterbesucher bereit.




Großes Theater um bekannte Geschichten

Der Trend, vorhandene Romanstoffe auf die Bühne zu bringen, zeichnete sich in den letzten Jahren immer mehr ab. In der aktuellen Spielzeit kommt nun fast kein Theater mehr ohne die Dramatisierung eines epischen Werkes sei es Roman oder Filmvorlage aus. Das Theater Leipzig wagt sich an Thomas Manns tausendseitigen "Zauberberg" und an den Roman "Als wir träumten" von Clemens Meyer, Leipzigs jüngstem Erfolgs-Schriftsteller.

Das Gorki-Theater, wohl derzeit der größte Vertreter des Erzähl-Theaters in Deutschland, dramatisiert Stoffe aus allen literarischen Epochen von Homer über Flaubert bis zu John Steinbeck u nd Günter Grass, inklusive der jüngsten Autorengeneration mit Christian Kracht. Dresden bringt den Dresdner Uwe Tellkamp, mit der Adaption seines Erfolgsromans "Der Turm" auf die Bühne und das Thalia-Theater Hamburg versucht sich an dem heiß umstrittenen Romandebüt der Nachwuchsautorin Helene Hegemann - "Axolottl Roadkill".

Ein ganz besonderes Experiment startet auch das Theater Frankfurt mit der Inszenierung "Das Scarlett-O-Hara-Syndrom". Hier wird der berühmte Hollywood-Film selbst, seine Erarbeitung und die dazugehörigen Dramen zwischen Regie und Besetzung, zum erzählten Stoff der Inszenierung. Auch die Kammerspiele München werden mit "Bonnie und Clyde" die Dramatisierung eines berühmten Filmstoffes angehen.

Was beim Publikum offenbar gut ankommt, wird von manchem Kritiker mit Gift und Galle bespieen. Schauspieler sollten spielen, nicht erzählen, fordern die Experten. Einer versteigt sich gar in dem bitteren Vorwurf, Deutschlands Bühnen seien "episch verseucht". Das Gorki-Theater will's genau wissen und lädt zur Zuschauer-Akademie ins Haus. Hier können Theaterbesucher und Experten direkt miteinander streiten, welche Geschichten Theaterhäuser nun machen sollen.

http://www.gorki.de/
http://www.schauspiel-leipzig.de/
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/
http://www.thalia-theater.de/aktuell/
http://www.schauspielfrankfurt.de/

Klassiker neu inszeniert

Kein Spielplan ohne Theater-Klassiker. Das gilt auch für die neue Spielzeit. Je nach Haustradition bemüht man sich um Werktreue oder neuen Ansatz. In der Auseinandersetzung mit dem Klassischen tut sich derzeit das Hamburger Thalia Theater hervor. Sophokles, Shakespeare, Schiller - die berühmtesten Dramatiker der Geschichte sind alle im Spielplan vertreten, und mit Regisseur Nicolas Steman wagen sich die Hamburger nun auch an ihre eigene vollständige Inszenierung von Goethes Faust 1 und 2.

Das Theater Köln, 2010 zum Theater des Jahres gekürt, tut sich zwar eher durch Uraufführungen hervor, wenn es aber einen dramatischen Klassiker aus der Kiste holt, wird er entschieden mit neuem Schwung versehen. So kann man Gogols "Revisor" in einem Joint-Venture mit ungarischem Avantgarde-Theater sehen.

Neues von neuen Autoren

Der Trend der neuen Spielzeit liegt aber eindeutig in der Suche nach Neuem. Selbst die beiden Nationaltheater in Weimar und Mannheim machen die Bühne lieber für die junge Autoren-Generation frei, als das nationale Erbe zu pflegen. Oliver Kluck, beim Berliner Stückemarkt gerade erst zum Siegerautor gekürt, bekommt in Weimar sogar sein eigenes Labor mit mehreren Folgen. In Mannheim strotzt der Spielplan geradezu vor Ur- bzw. deutschen Erstaufführungen, zehn von siebzehn Premieren sind aus neuen Stücken gemacht. Neben dem Newcomer Kluck sind mehrfach die etablierten Namen Roland Schimmelpfennig, René Pollesch oder Sybille Berg auf deutschen Spielplänen zu lesen. Zu den viel beachteten Uraufführungen neuer deutsch-sprachiger Stücke gehört auch die Uraufführung der Jelinek-Trilogie "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" in Köln.
Politisch Brisantes kommt auch von fremdsprachigen Autoren. Das Stück "Gegengipfel" der Argentinierin Laura Fernandez beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie politischer Widerstand in der heutigen Welt überhaupt noch realisierbar ist und wird im Staatstheater Mainz erstmals auf deutsch gespielt.

http://www.nationaltheater-weimar.de/
http://www.nationaltheater-mannheim.de/
http://www.deutschestheater.de/
http://www.schauspielkoeln.de/
http://www.staatstheater-mainz.com/

Laien auf der Bühne

Was Volker Lösch mit einem Chor von Laiendarstellern in Dresden begann, wird nun ohne ihn fortgesetzt. Dabei werden die Macher des Dresdner Schauspiels immer mutiger auf ihrer Suche nach Menschen, die etwas mitzuteilen haben und denen die Begegnung mit dem Theater gut tun könnte. Zu den "Theatertagen des sächsischen Justizvollzugs" geht es allerdings nicht nur darum, Strafgefangene in eine Inszenierung einzubinden. Die Projekte sind kleiner aber vielfältiger. Von der Lesung selbstgeschriebener Texte bis zur Erarbeitung kleiner Stücke wird die Begegnung zwischen Theater und Knast erprobt.

Volker Lösch indes ist weiter gezogen und zwar nun schon von Hamburg nach Berlin. Mit Unterstützung von Berliner Sex-Arbeiterinnen erarbeitet er an der Schaubühne eine neue Version von Wedekinds Lulu mit dem Untertitel "Die Nuttenrepublik".

http://www.schaubuehne.de/de

Neues aus der Oper

Die großen Opernhäuser liefern wie gewohnt Qualitätsinszenierungen der einschlägigen klassischen Singspiele ab, hier und da ist der Spielplan auch mal von einer moderneren Variante des Musik-Theaters gespickt. Dass man auch mit klassischen Stücken neue Wege gehen kann, hat das Nationaltheater Weimar bewiesen. Mit seinen Wagner-Wochen ist eine Art moderner Alternative zu den Bayreuther Festspielen entstanden. Der Ring der Nibelungen wurde in Weimar auf neue Art und Weise inszeniert und von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert. Deshalb werden die Wagner-Wochen in der neuen Spielzeit zu Pfingsten und Anfang Juli wiederholt.

In Magdeburg geht die Oper "auf die Straße", genauer gesagt auf den Domplatz und eigentlich auch nicht als Oper sondern als Musical. Mit der OpenAir-Inszenierung von Disneys "Die Schöne und das Biest" tut die Magdeburger Oper zumindest alles, um sich von verstaubten Opernklischees zu befreien und neues Publikum zu gewinnen.

http://www.nationaltheater-weimar.de/
http://www.theater-magdeburg.de/

Experimente

Während sich die Kritiker darüber streiten, ob nun Dramen oder Romane besser zum Inszenieren geeignet sind, scheren sich ein paar Theater einfach gar nicht mehr um vorgelegte Texte.

In einer Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig geht das Weimarer Nationaltheater neue Wege. Unter dem Arbeitstitel "Zorn und Zärtlichkeit" werden beide Häuser gemeinsam mit den Darstellern ein Stück erarbeiten, indem sie die Phänomene Utopie, Widerstand und Liebe improvisatorisch erkunden. Ganz ohne vorher fertigen Text und zum Thema Liebe arbeitet auch Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen. Als Experimentier-Küche der Nation erweist sich schließlich wieder einmal die Berliner Volksbühne. Die Aufführungen entstehen häufig im Experiment und bezeichnen sich etwa in der Art "Eine Übermalung mit Texten aus Filmen" oder "Der Regisseur lässt die Liebe erforschen". Auch neue Genre-Experimente werden gewagt. Mit Frankensteins Rotkäppchen" sucht man den Spagat zwischen Erwachsenen- und Kindertheater, Horrorflic und Musical, und das mit Hilfe von Rockmusik und Puppentheater. Ob das wohl gut geht?

http://www.volksbuehne-berlin.de/

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