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Theaterverzeichnis

Rückblick auf die Spielzeit 2008 / 2009

Aufregendes, Provokantes und überraschend Persönliches konnte man in der vergangenen Spielzeit auf den deutschsprachigen Bühnen entdecken. Das Ende dieser Saison war allerdings ein Trauriges, wurde es doch vom Tod dreier großer Theaterlegenden überschattet.


Einzelkämpfer und Kollektive

Die Berliner Festspiele im Mai gelten alljährlich als Maßstab für die deutschsprachige Theaterlandschaft. Von den acht eingeladenen „besten Inszenierungen des Jahres“ kamen allein vier aus Österreich und der Schweiz. Darunter gab es eine Aufführung, die gar nicht eingeladen werden konnte, weil sie so fest mit einem alten Hotel im schweizerischen Oberengadin verbunden ist, dass sie nur per Filmaufnahme in Berlin gezeigt werden konnte. Die Rede ist von Marthalers „Theater mit dem Waldhaus“, eine Ensemble-Inszenierung, die, wie immer bei Marthaler, ohne Hauptrollen auskommt. Zu den geladenen Gastspielen in Berlin gehörte auch Volker Löschs Inszenierung „Marat“, die in Hamburg mit ihrem Chor der Hartz-IV-Emfpänger bereits für Furore gesorgt hatte. Während diese beiden Werke als Kollektivleistungen brillieren, wiesen zwei andere ausgewählte Stücke in die entgegengesetzte Richtung. Als Autor, Regisseur und Schauspieler in Personalunion spielte Joachim Meyerhoff seine eigene, außergewöhnliche Lebensgeschichte und wurde damit vom Wiener Burgtheater nach Berlin geladen. Ebenfalls autobiografisch und noch intimer und persönlicher wurde es bei Christoph Schlingensief in seiner „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, in der er seine eigene Krebserkrankung in Szene setzt. Dass gleich zwei Einzelkünstler mit persönlichen Themen eingeladen wurden, ist ein Novum in der Geschichte des Theatertreffens.
Hier finden Sie alle acht ausgewählten Stücke
http://www.berlinerfestspiele.de

Preise des Berliner Theatertreffen

Mit den Preisen des Berliner Theatertreffens wurden dann aber doch wie jedes Jahr künstlerisch herausragende Ensemble-Leistungen belohnt. Den Alfred-Kerr-Darsteller-Preis erhielt Kathleen Morgeneyer für ihre Rolle in Tschechows „Die Möwe“, die von Jürgen Gosch inszeniert wurde. Der Regisseur selbst wurde mit dem Theaterpreis Berlin geehrt, den er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr selbst entgegen nehmen konnte. Den 3-Sat-Preis für hervorragende Schauspielkunst erhielten außerdem die Darsteller Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek und Werner Wölbern für ihre Leistung im Drei-Personen-Stück „Der Weibsteufel“ am Wiener Burgtheater.
Mit dem Förderpreis für neue Dramatik wurde der deutsche Autor Oliver Kluck geehrt.

Auszeichnungen der Kritikerjury von „Theater Heute“

Am Ende der Saison haben wie jedes Jahr 41 Kritiker bei der Fachzeitschrift „Theater Heute“ ihre Stimmen abgegeben. Dabei wurden folgende Highlights der Spielzeit 08 / 09 ermittelt.
Wie bereits in Berlin konnte sich Birgit Minichmayr von den Münchner Kammerspielen als beste Schauspielerin behaupten, den Titel „Bester Schauspieler des Jahres“ erhielt ihr Hauskollege Alexander Scheer mit nur wenig Stimmen Vorsprung vor Joachim Meyerhoff. Zur Inszenierung des Jahres wurde „Die Möwe“ von Jürgen Gosch am Deutschen Theater Berlin gewählt, die bereits die Berliner Jury überzeugte. Für das Bühnenbild des Jahres wurde der Regisseur Andreas Kriegenburg ausgezeichnet, der für seine Inszenierung von Kafkas Prozess an den Münchner Kammerspielen das Bühnenbild selbst entworfen hat.
Und schließlich erhielten die Münchner Kammerspiele 2009 den begehrten Titel „Theater des Jahres“. Damit hat Intendant Frank Baumgartner zum fünften Mal ein Theater zu diesem Titel geführt. Neben den besten Schauspielern und dem besten Bühnenbild präsentiert das Haus auch das beste Stück des Jahres. Das Nazi-Drama „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek konnte die meisten Kritiker von sich überzeugen..

Ärgernis des Jahres

Erstmals wurde das Ärgernis des Jahres von der Theater-Heute-Jury benannt. Der Sender 3SAT hatte zum Berliner Theatertreffen eine öffentliche Diskussion um den 3SAT-Preis für die besten Schauspieler ausgestrahlt. Bei diesem Anlass zog der Intendant des Berliner Ensembles Claus Peymann viel Unmut auf sich, als er mit aggressiven Diskussionsstrategien seine Favoriten durchsetzte. Böse Zungen nannten ihn dabei gar den Dieter Bohlen des Theaters.

Weitere Highlights der Theatersaison

Im Jahrbuch von „Theater heute“ finden interessierte Leser einen umfassenden Rückblick auf Inszenierungen und Höhepunkte in den deutschen Schauspielhäusern.
http://www.theaterheute.de

Der Deutsche Bühnenverein für Schauspiel und Musiktheater wird mit seinem „Faust“ ebenfalls Darsteller und Theatermacher der letzten Saison ehren. Die Preisverleihung findet am 28. November 2009 statt. Aktuelle Informationen finden Sie auf der Seite des Bühnenvereins.
http://www.buehnenverein.de

Auch das Musiktheater konnte große Ereignisse in der letzten Spielzeit feiern. Die Zeitschrift „Opernwelt“ fasst das Wichtigste in ihrem Jahrbuch zur Spielzeit 2008 – 2009 zusammen, die zu Redaktionsschluss noch nicht vorlag. Interessierte können auf folgendem Link den aktuellen Stand der Nominierungen für das „Opernhaus des Jahres“ bzw. die „Aufführung des Jahres“ erfahren.
http://www.opernwelt.de

Legenden, die für immer gingen

Jürgen Gosch, der sich mit seiner Inszenierung „Die Möwe“ noch kurz vor seinem Tod als bester Regisseur Deutschlands behauptet hatte, verstarb am 11. Juni 2009 nach schwerer Krankheit. Noch am Krankenbett hat der leidenschaftliche Theatermann mit Schauspielern an seiner letzten Inszenierung gearbeitet. Begonnen hatte seine Karriere in der DDR, die er 1978 aus politischen Gründen verlassen musste. 1985 erhielt er für seine Inszenierung „Ödipus“ mit Ulrich Wildgruber den Europäischen Theaterpreis. Seine Stärke war die Inszenierung von Klassikern. Kollegen nannten ihn wegen seiner produktiven Schauspielerarbeit den „Probenzauberer“.

Peter Zadek war um einige Jahre älter als Gosch, er verstarb mit 83 Jahren am 30. Juli 2009. 1926 als Sohn jüdischer Eltern geboren, verließ er Deutschland früh und kehrte 1958 zum ersten Mal zurück. Er blieb und veränderte die deutsche Theaterlandschaft mit seinen herausragenden, eigenwilligen Inszenierungen, die Kritikern und Publikum gleichermaßen gefielen. Auf den vierzig bisherigen Berliner Theatertreffen wurde Zadek insgesamt zwanzig Mal eingeladen. Damit hält er einen einzigartigen Rekord. Noch bis kurz vor seinem Tod machte der Grandseigneur mit seiner letzten Inszenierung am Hamburger St.Pauli-Theater von sich reden.

Pina Bausch, die Legende des Tanztheaters aus Wuppertal ist wie ihre beiden männlichen Kollegen zum Ende der Spielzeit für immer gegangen. Tanzprofis und Fans des modernen Tanztheaters auf der ganzen Welt kennen ihren Namen und ihre Arbeit. Für viele ist Pina Bausch schlichtweg der Beginn des modernen Tanztheaters in Deutschland. Die Tänzerin und Choreografin hat Zeit ihres Lebens immer wieder mit neuen Ansätzen auf sich aufmerksam gemacht. Zuletzt u.a. durch ihre künstlerische Arbeit mit alten Menschen. Sie starb am 30. Juni, kurz nachdem sie ihre letzte Inszenierung beendet hatte.
http://www.pina-bausch.de/

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