Theaterverzeichnis

Rückblick Spielzeit 2012 - 2013


Bestes Theater im fünfzigsten Jahr

Das Ende der letzten Spielzeit lief 2013 auf ein großes Jubiläum hinaus. Zum Fünfzigsten Mal fand in Berlin das Theatertreffen statt. Dabei wurde vor allem große Schauspielkunst gefeiert.




Theaterkunst zum Festjubiläum

theater Schaut man sich die Auswahl der Berliner Festivaljury an, fragt man sich, ob das 50. Jubiläum zum Anlass genommen wurde, um zum Konservativen zurückzukehren. Hatte die Jury noch im Jahr zuvor 30 Prozent Produktionen des Freien Theaters in den Reigen der „besten Inszenierungen des Jahres“ aufgenommen, fallen solche Einladungen im Jubiläumsjahr weitgehend aus. Lediglich das Berliner Hebbel am Ufer (HAU1) konnte sich mit einer aufsehenerregenden Laienproduktion platzieren und besetzte damit auch gleich die Position des großen Zündstoff-Lieferanten. Mit dem Projekt Disabled-Theater kamen behinderte Schauspieler auf die Bühne. Dem Auftritt folgte eine Podiumsdiskussion, die nachfragte, ob es sich dabei um Künstler oder Exponate handeln sollte. Dass sich die Anerkennung als Künstler durchsetzte, zeigte schließlich die Wahl des Preises für den besten Nachwuchsdarsteller, die an Julia Häusermann, eine Schauspielerin mit Down-Syndrom aus dem genannten Projekt ging.

Zur Schauspielerin des Jahres wurde Sandra Hüller ernannt. Nach der knappen Verfehlung im Vorjahr hat sie es nun geschafft. Sie überzeugte im Jelinek-Stück „Die Straße. Die Stadt. Der überfall.“ aus den Münchner Kammerspielen.

Das Stück "Murmel, Murmel" der Berliner Volksbühne verzichtet fast ganz auf gewohnten Sprechertext und setzt auf den virtuosen Einsatz schauspielerischen Könnens. Die Aufführung von Falladas "Jeder stirbt für sich allein" (Thalia Theater Hamburg) wiederum, ist ein Fest der Sprecherkunst, das mit einem Minimum an körperlicher Bühnenaktion vier Stunden Hochspannung erzeugt.

Unter den Darstellern wiederum glänzten insbesondere die weiblichen Mimen. In „Medea“ aus Frankfurt wurde die Leistung der Hauptdarstellerin Constanze Becker gar als sensationell eingeschätzt. ähnlich begeistert war das Publikum von Wiebke Puls in „Orpheus Steigt herab“ (Münchner Kammerspiele) und Lina Beckmann in „Die Ratten“ (Schauspiel Köln).

Die meisten der ausgewählten Produktionen sind auch in der neuen Spielzeit noch zu sehen.

Münchner Kammerspiele sind Theater des Jahres

Die alljährliche Kritikerumfrage von „Theater heute“ folgte der Jury des Berliner Theatertreffens bei der Ernennung von Sandra Hüller zur Schauspielerin des Jahres. Zum besten Schauspieler wurde ihr Kollege Steven Scharf ernannt, der wie Hüller an den Münchner Kammerspielen engagiert ist. Auch der dritte Ehrentitel für beste Schauspielleistung ging ans Münchner Ensemble, an den Nachwuchsschauspieler Risto Kübar. Nach so viel Anerkennung für schauspielerische Leistungen wurde auch der Titel „Theater des Jahres“ an die Münchner Kammerspiele vergeben. Damit wurde die Arbeit des Niederländers Simons gewürdigt, der seit drei Jahren Intendant in München ist. Aber vielleicht steckte in der Titelvergabe auch eine Reminiszenz an die Kammerspiele, die in der letzten Spielzeit ihr 100-jähriges Bestehen feierten.

Unter den Stücke-Autoren setzte sich Felicia Zeller mit „X-Freunde“ durch. Der neue Autoren-Name, den man sich merken sollte, heißt Katja Brunner, die mit „von den beinen zu kurz“ als beste Nachwuchsautorin höchste Aufmerksamkeit auf sich zog.

In der Kategorie Inszenierung des Jahres konnte sich kein Theater allein durchsetzen und so ging der Titel wegen Stimmengleichheit sowohl an Köln („Die Ratten“, Regie Karin Henkel), München („Orpheus steigt herab“, Regie Sebastian Nübling) und Hamburg („Jeder stirbt für sich allein“, Regie Luk Perceval.

Literatur goes Oper

Neben den Opernklassikern, die wie immer einen Großteil der Spielpläne der deutschen Musikhäuser bestimmen, kam eine ganze Reihe von Uraufführungen zum Erklingen. Dabei zeigt sich die deutsche Opernszene als besonders offen für neue Werke junger Komponisten. Und es scheint, als sei die moderne Literatur eine wahre Fundgrube für neue Opernstoffe geworden.

So hatte in Osnabrück die Vertonung des Romans „Das große Heft“ von Agota Kristof Premiere. Komponist ist der 1960 geborene Wahlberliner Sidney Corbett.
Die Komische Oper Berlin hat sich ebenfalls einer Romanvorlage für ein Libretto bedient und die Oper „Solaris“ nach Stanislaw Lem angekündigt. Eine Idee, die sofort neugierig macht, allerdings muss man sich nun noch eine ganze Weile gedulden, denn der Uraufführungstermin wurde um ganze zwei Jahre verschoben. Man möchte hoffen, dass er keine Science Fiction bleibt.
Ganz real war dafür die Uraufführung von Alois Broders Oper „Die Frauen der Toten“ in Erfurt. Auch hier wurde eine Romanvorlage genutzt und in gleich zwei Lesarten umgesetzt. Ein modernes Opernwerk, das sich durch gute Hörbarkeit auszeichnete und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.
In Linz ist ein Text von Peter Handke als Libretto genutzt worden und geht mit Kompositionen von Philip Glass eine musikalisch-poetische Symbiose ein.
Zu den größten Hoffnungen im Nachwuchs der Opernkomponisten hat sich der österreicher Georg Friedrich Haas gemausert, dessen Oper „Thomas“ in der letzten Spielzeit gleich zweimal (ur-)aufgeführt wurde, in Schwetzingen und in Linz. Das Libretto schrieb sein Landsmann, Händl Klaus, ebenfalls kein Unbekannter in der Theaterszene. In Kiel wiederum wurde die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig gesungen. Den Komponisten kann man mit stolzen 80 Jahren zwar nicht gerade jung nennen. Als Spätbeginner gehört Cristobal Halffter dennoch zu den Newcomern. Der Spanier hat ausgerechnet an der Kieler Förde seinen treuesten Aufführungsort gefunden.

Wagner unter Schauspielregie

Bei den klassischen großen Opern zeichnet sich in den letzten Jahren ein Hang zum Sprechtheater ab, zumindest, was die Auswahl der Regisseure betrifft. Nachdem Andreas Kriegenburg sich in München bereits an einer Inszenierung von Wagners Nibelungenring versuchte, war in der letzten Spielzeit nun kein anderer als Frank Castorf in Bayreuth, um für seine Ring-Version Regie zu führen. Dass der Avantgarde-Regisseur der Volksbühne die Erwartungen eingefleischter Wagnerianer nicht erfüllte, war keine große überraschung. Aber ein Skandal wurde es auch nicht. In der Presse finden sich ebenso viele positive Stimmen wie Verrisse. So ist Castorf zumindest gelungen, was sein Markenzeichen ist - ein Haus ins Gespräch zu bringen. Und die Bayreuther Festspiele haben zumindest an Klischee verloren.

Konventionellere Wagner-Aufführungen gab es im Wagner-Jahr 2013 ohnehin in zahllosen Opern zu erleben. Neben den zahlreichen Aufführungen erschienen auch über hundert neue Publikationen, die sich mit Richard Wagner und der Rezeption seiner Werke beschäftigten.

Besucherstatistik des Deutschen Bühnenvereins

Statistische Auswertungen brauchen etwas länger, deshalb hat der Deutsche Bühnenverein im Herbst 2013 einen statistischen Rückblick auf die Spielzeit 2011-2012 veröffentlicht. Die Ergebnisse trotzen (zum Glück!) allen Unkenrufen, die den Untergang des Theaters heraufbeschwören. Dem ist nicht so. Die Theatergewohnheiten der Deutschen erweisen sich als stabil.

Die Gesamtzahl aller Besuche in Theater- und Opernhäusern betrug ähnlich wie schon im Vorjahr ca. 32 Mio.

Innerhalb der einzelnen Sparten gab es kleine Verschiebungen, die sogar Optimismus für die Zukunft versprechen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in ein (entsprechend altersgemäßes) Theaterstück gehen, ist leicht gestiegen.

So gesehen liegt Theater also „voll im Trend“. Und den sollten auch Sie nicht verpassen. Sehen Sie sich auf den Seiten von „Deutsches Theaterverzeichnis“ um. Sicher finden Sie eine interessante Aufführung in Ihrer Nähe.

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