Theaterverzeichnis

Rückblick Spielzeit 2010 / 2011


Die Befreiung des Freien Theaters

theater Das Berliner Theatertreffen, das sich alljährlich als Bilanzzieher der Theatersaison präsentiert, hat noch nie zuvor so viele Inszenierungen aus der Freien Szene gewürdigt wie in der vergangenen Spielzeit. Die Auswahl "der besten zehn", berücksichtigte gleich drei freie Arbeiten. Das ist enorm viel im Vergleich zur Tatsache, dass in den Vorjahren entweder überhaupt keins oder höchstens ein freies Bühnenwerk in die Auswahl kam, wobei die Regisseure regelmäßig Marthaler oder Schlingensief hießen, also eigentlich zum Etablissement gehörten.
Ein Grund für die Erneuerung des Theatertreffens ist sicher die neue Leiterin Iris Laufenberg.
Möglicherweise hat aber auch der wachsende Druck auf die Theaterwelt, sich aktiver den Fragen der Zeit zu stellen, diese Auswahl beeinflusst. Die Freie Szene war da schon immer näher an den Brennpunkten der Zeit. Der Beweis ist die Inszenierung "Verrücktes Blut", die auf überraschend radikale und zugleich absurd-witzige Weise das allseits diskutierte Thema um Integrationspolitik und deutschen Kulturverlust beim Schopfe packt. Die Inszenierung aus dem Berliner "Ballhaus Naunynstraße" ist so authentisch und stimmig, dass sie sogar den Auftritt von Laiendarstellern bei den Berliner Festspielen rechtfertigte, und zwar als Hauptdarsteller und nicht, wie bisher gerade so geduldet, als Sprechmaschinen in einem Zitaten-Chor.
Ebenfalls mit aufregender Echtheit überraschte das Bühnenkollektiv "SheShePop", seit Jahren eine feste Größe im freien Theaterbetrieb. Die sieben jungen Frauen, die seit langem einen festen Platz in der Freien Theaterszene haben, holten zwecks einer modernen König-Lear-Inszenierung ihre eigenen Väter auf die Bühne und lebten, entlang des Shakespeare-Textes den eigenen Generationen-Konflikt als verallgemeinerbares Beispiel vor.




Aber es gab noch mehr Ungewöhnliches in der Berliner Theaterauswahl 2011. Mit "Via Intolleranza Teil II" wurde Christof Schlingensief posthum geehrt, und der Frauenanteil unter den Regisseuren war mit dreißig Prozent höher denn je.
http://www.berlinerfestspiele.de

Die jährliche Kritikerumfrage von "Theater heute" ging weitgehend mit der Berliner Jury zusammen. Karin Beier, Intendantin und Regisseurin des Kölner Schauspiels konnte für Jelineks "Das Werk / im Bus / ein Sturz" den Regiepreis "Beste Inszenierung des Jahres" nach Hause holen. Überhaupt war das Schauspielhaus Kölner der ganz große Gewinner der diesjährigen Umfrage. Es wurde zum zweiten Mal hintereinander zum "Theater des Jahres" gewählt und auch der Titel "beste Schauspielerin" ging für Lina Beckmann ins Kölner Ensemble.

"Schauspieler des Jahres" wurde Jens Harzer, der zur Zeit im Hamburger Thalia Theater im "Don Carlos" brilliert und diesen Titel 2008 schon einmal erhielt.

Auch in der Wahl des besten Stückes entsprachen die Kritiker der Berliner Festspiele-Jury und kürten "Verrücktes Blut" zum Sieger. Das Stück ist als Filmadaption in einer Zusammenarbeit des Regisseurs Nurkan Erpulat mit dem Autor Jens Hillje entstanden.

Als beste Nachwuchskünstler wurden außerdem die Schauspielerin Manja Kuhl aus Oberhausen sowie die jungen Dramatiker Wolfram Lotz und Claudia Grehn geehrt.

Keine beste Oper im Land

Die Kritikerumfrage der Zeitschrift "Opernwelt" offenbarte indirekt die Unzufriedenheit der Fachwelt mit dem Zustand der deutschen Oper. Erstmals, seit die Umfrage durchgeführt wird, gingen die wichtigsten "Bestentitel" aus Deutschland heraus. Die deutschen Opernkritiker einigten sich auf ihre Begeisterung für die Brüsseler Oper, der sie ein hohes Maß an "geistigem Profil" zusprachen. Das Haus erntete auch gleich den Titel für die beste Inszenierung, "Les Hugenots" unter der Regie von Olivier Py.

Im nachfolgenden Ranking führte wieder, wie schon in den letzten Jahren, das Frankfurter Opernhaus, das besonders für das Werk "Murder in the Cathedral" (nach T.S. Elliot) gelobt wurde und mit Martin Kränzle auch den Sänger des Jahres beschäftigt.

"Dionysos" von Wolfgang Rihm bei den Salzburger Festspielen wurde zur Uraufführung des Jahres ernannt. Wiederentdeckung des Jahres ist das Werk "Die Passagierin" des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, der deutschen KZ’s und sowjetischen Gulags nur knapp entkommen ist und dessen Opern beinahe verschollen wären. "Die Passagierin" handelt von der Begegnung einer KZ-Aufseherin mit einer ehemaligen Gefangenen und wurde mit großem Erfolg zu den Bregenzer Festspielen uraufgeführt. Der Titel Regisseur des Jahres ging an Achim Freyer (77). Die Kritiker lobten seinen Einfallsreichtum und "seine Fantasie, die auch im Alter keine Grenzen kennt." Aber auch Freyers Bühnenwerk ist nicht in Deutschland sondern in Zürich zu erleben, wo er Schönbergs "Moses und Aron" inszeniert hat.

Zum Ärgernis des Jahres kürte die "Opernwelt" die Münchner Kulturpolitik, die arg in die Personalpolitik der Münchner Staatsoper eingriff, was laut Kritikern zu einem "kopflosen Besetzungskarussell" führte.

Auch in der Sparte Schauspiel ging der Titel "Ärgernis des Jahres" an Landespolitiker, und zwar nach Nordrhein-Westphalen, das auf die Schließung von Theatern hinarbeitete und gleichzeitig Großevents mit öffentlichen Geldern förderte.

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